Daniel Marwecki lehrt Internationale Beziehungen an der University of Hong Kong. Er hat 2025 das Buch Die Welt nach dem Westen veröffentlicht. Im Interview erklärt er, welche ökonomischen Verbindungen zwischen China und Venezuela bestehen und warum Trumps Angriff einem »Kostüm-Imperialismus« gleicht.
Matthias Ubl: Sie diagnostizieren in ihrem Buch Die Welt nach dem Westen den geopolitischen Abstieg der USA. Ist der Angriff auf Venezuela der Versuch, diesen zu verhindern?
Daniel Marwecki: Zunächst ist wichtig zu sagen, dass es sich um einen relativen, nicht um einen absoluten Abstieg handelt. Der Westen verschwindet nicht, die USA schon gar nicht. Die Welt wird lediglich ausgeglichener. China ist eine aufstrebende, dominante Handelsmacht, andere Länder in Asien folgen nach. Militärisch sind die USA jedoch weiterhin dominant. Laut SIPRI geben sie rund 37 Prozent der weltweiten Rüstungsausgaben aus, China folgt mit etwa 12 Prozent. Das spricht eher für eine regionale Multipolarität im sicherheitspolitischen Sinne. China kann Macht in seiner Nachbarschaft ausüben und tut das auch zunehmend. Aber die Vorstellung, China würde Kriegsschiffe nach Caracas schicken, ist absurd. Selbst wenn China das wollte, wäre es praktisch nicht möglich. Militärisch sind die USA nach wie vor am stärksten. Unter Donald Trump ist absehbar, dass diese Karte sehr offensiv gespielt wird.
85 Prozent der venezolanischen Rohöl-Exporte gehen derzeit nach China. Gibt es da nicht ein erhebliches Konfliktpotenzial?
Die Frage ist, für wen diese Beziehungen wichtiger sind: für Venezuela oder China? Für das Maduro-Regime sind sie essenziell, um Devisen zu bekommen und überhaupt noch ökonomische Beziehungen zur Außenwelt aufrechtzuerhalten, nachdem das Land international isoliert wurde. Für China hingegen sind venezolanische Ölimporte eher marginal – sie liegen bei etwa 4 Prozent der chinesischen Einfuhren. Das lässt sich problemlos diversifizieren. Hinzu kommt, dass Venezuela gegenüber China hohe Schulden hat. Die Exporte dienen vor allem dem Abtragen dieses Schuldenbergs. Wirtschaftlich ist Venezuela für China verzichtbar. Das Handelsvolumen zwischen China und Lateinamerika lag im letzten Jahr bei rund 518 Milliarden US-Dollar, getragen auch von Ländern wie Brasilien oder Argentinien. Die USA werden nicht jedes Land angreifen, nur weil es Handel mit China treibt. Lula wird nicht gestürzt, weil Brasilien Sojabohnen nach China verkauft. Und in China würde niemand für Venezuela Kopf und Kragen riskieren.
Auch der Ökonom Branko Milanović beschrieb jüngst eindrucksvoll, dass Asiens ökonomischer Aufstieg den Westen in den Schatten stellt. Wie wichtig ist denn das venezolanische Öl für die USA, um gegen diesen Aufstieg mitzuhalten?
Das ist eine sehr spannende Frage. Venezolanisches Öl ist extrem schweres Öl, sehr aufwendig zu fördern. In Saudi-Arabien kratzt man den Sand an, in Venezuela dauert es nach heutigem Stand der Industrie Jahre, bis Konzerne wie Chevron oder Exxon sinnvoll fördern und prozessieren könnten. Es passt aber in Trumps Vision eines petro-staatlichen, oligarchisch geführten Amerikas.
Demokratie spielt bei der Intervention in Venezuela kaum eine Rolle. Das Regime ist ja noch da. Wenn in Deutschland Kommentatoren erklären, der Bruch des Völkerrechts sei akzeptabel, weil ein Diktator entfernt wurde, dann muss man klarstellen: Ziel ist keine Demokratie. Man muss hier auch die Sicherheitsstrategie der USA ernst nehmen. Es geht um vollständige Dominanz in der eigenen Einflusssphäre – inklusive Grönland und ganz Amerika. Das betrifft auch demokratisch gewählte linke Regierungen wie in Mexiko, Kolumbien oder Brasilien. Adam Tooze nennt das eine Art »Kostüm-Imperialismus«, dem würde ich mich anschließen. Man tut so, als wäre man ein Imperialist des 19. Jahrhunderts – bezieht sich auf die Monroe-Doktrin und den klassischen Ressourcenimperialismus. Aber das ist letztlich nostalgisch. Der Aufstieg Chinas, Indiens und Asiens insgesamt ist die große Geschichte des 21. Jahrhunderts. Der Versuch, ins 19. Jahrhundert zurückzufallen, ist eine illusionäre Reaktion darauf.
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