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Feministischer Kampftag: Der Alltag läuft, weil migrantische Frauen ihn tragen

Wenn der Sozialstaat angegriffen und Fürsorge zur Ware wird, stopfen häufig migrantische Frauen die Lücken – von der Pflege bis zum Haushalt.

5 Minuten Lesedauer

Der Protest am 8. und 9. März muss die Rechte aller Frauen ins Zentrum rücken (Symbolbild). Credit: IMAGO/IPON

Um halb sechs morgens in der S-Bahn: müde Gesichter, Arbeitstaschen, Thermobecher. Viele steigen da ein, wo die Stadt noch schläft – und steigen da aus, wo sie gerade erwacht: in Pflegeheimen, Hotels, Küchen und Haushalten. Flure sollen glänzen, bevor die ersten Meetings beginnen, und Küchen laufen, bevor das erste Essen bestellt wird. Diese Arbeit ist die Basis unseres Alltags. Und sie wird überdurchschnittlich häufig von migrantischen und migrantisierten Frauen geleistet. Ohne sie würde vieles in diesem Land nicht mehr laufen. 

Der 8. März wird gern als Tag der »starken Karrierefrau« verkauft, die sich mit genug Ehrgeiz durch jede gläserne Decke bohrt. Aber der eigentliche Konflikt spielt sich nicht im Vorstand ab, sondern findet auf der Station, im Treppenhaus oder in der Spülküche statt. Da, wo migrantische Frauen den Alltag zusammenhalten – und dafür häufig einen Preis zahlen: mit Niedriglöhnen, schlechten Schichten, kaputten Rücken, manchmal unsicheren Papieren. Wer über Emanzipation spricht, muss genau dort anfangen: bei der Überausbeutung von Frauen im Service- und Care-Sektor. Statt Symbolen braucht es am feministischen Kampftag eine Klassenpolitik, die die Rechte aller Frauen ins Zentrum rückt. 

Krise der sozialen Reproduktion: Wenn Care zur Ware wird

Wir stecken mitten in einer Krise der sozialen Reproduktion. Konservative und Neoliberale fordern mehr Lohnarbeit, mehr »Produktivität«, mehr Stunden – aber die Arbeit, die Menschen am Leben hält, wird nicht weniger. Kinder müssen betreut, Kranke gepflegt, Wohnungen geputzt, Mahlzeiten gekocht werden. Diese Arbeit lässt sich nicht wie eine Fabrik rationalisieren. Man kann Pflege nicht einfach »optimieren«, ohne dass sie in Gewalt und Ausbeutung kippt: durch Zeitdruck, durch Liegenlassen, durch Erschöpfung. 

Was früher irgendwie im Privaten aufgefangen wurde, landet heute oft auf einem Markt – und der findet Arbeitskraft dort, wo Ausbeutung vermeintlich am billigsten ist: Das trifft häufig migrantische und migrantisierte Frauen. Sie springen ein, wenn Kitas fehlen, wenn Pflegeheime unterbesetzt sind, wenn andere Familien Unterstützung buchen. Besonders private Haushalte sind eine Grauzone des Arbeitsrechts, wo Ausbeutung zu häufig unsichtbar bleibt. Denn es gibt keine Kolleginnen, keinen Betriebsrat und kaum Kontrollen. 

Der deutsche Pflegesektor wächst auf dem Rücken von Migrantinnen

Der Pflegenotstand ist die grellste Version davon: Es fehlen zehntausende Pflegekräfte, und die, die da sind, arbeiten sich durch Dauerstress und Verdichtung – oft auf Kosten der eigenen Gesundheit und der Würde der Menschen, die sie versorgen. Das ist kein Randphänomen. Die Internationale Arbeitsorganisation zeigt, wie stark migrantische Frauen weltweit in Care und Haushaltsarbeit konzentriert sind – oft in informellen, gering geschützten Beschäftigungen. In Deutschland sind rund 82 Prozent der Beschäftigten in Pflegeberufen Frauen. Rund 33 Prozent der Beschäftigten in der Altenpflege haben eine Einwanderungsgeschichte. Und seit 2022 wird das Wachstum in der Pflege sogar nur noch von Beschäftigten ohne deutschen Pass getragen.

Hinzu kommt, dass nicht nur der Markt die Löhne drückt – das Aufenthaltsrecht macht viele teilweise erpressbar. Für manche hängt der Aufenthalt am Job: Ein Wechsel kann erst nach behördlicher Erlaubnis gehen, und wenn die Stelle weg ist, ist plötzlich nicht nur das Einkommen weg, sondern die Sicherheit. So wird jedes Nein zu Überstunden, Nein zu Schichtwechseln, Nein zu Grenzüberschreitungen strukturell erschwert.

Rechte und neoliberale Antworten: privatisieren, kontrollieren, bestrafen

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Maxine Fowé

Maxine Fowé ist Politökonomin und Redakteurin bei Surplus. Sie hat Philosophie, Politik & Ökonomie in Maastricht, London und Berlin studiert.

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