Jessica Kreuzer war Profifußballerin in der 1. Bundesliga. Heute arbeitet sie als Dozentin und Speakerin für gerechte Bezahlung. Im Interview erzählt die Gründerin, weshalb die Löhne im Fußball zwischen den Geschlechtern noch immer extrem ungleich sind, und welche Mechanismen den Gender-Pay-Gap – von Strukturen bis individuellem Verhandlungsgeschick – aufrechterhalten.
Xenia Miller: Sie waren Fußballspielerin in der 1. Bundesliga. Wie haben Sie die Lohnungleichheit damals wahrgenommen?
Jessica Kreuzer: Damals war es wie heute noch kein richtiges Berufsbild. Ich habe Fußball gespielt, weil ich es geliebt habe – nie mit dem Gedanken, Geld damit zu verdienen. Ich durfte bis ich 17 war mit einer Ausnahmegenehmigung mit den Jungs spielen. Dort gab es zwei Spieler, die bis in die Regionalliga oder 2. Bundesliga gekommen sind. Während ich damals in der 1. Bundesliga gespielt habe und nur 800 Euro verdient habe – und da war schon die Aufwandspauschale für unter anderem Spritkosten einberechnet –, konnten diejenigen, die nur Regionalliga oder Zweitliga gespielt haben, davon leben. Da ist es mir das erste Mal so richtig aufgefallen. Aber damals war das einfach gegeben.
Viele professionelle Fußballspielerinnen müssen noch nebenbei in einem anderen Job arbeiten.
Schätzungsweise zwischen 30 und 40 Prozent der Frauen in der 1. Bundesliga können davon leben, der Rest braucht ein zweites Standbein. Die Gehälter liegen heute im Schnitt bei 3 bis 4.000 Euro brutto im Monat. Das ist so wahrscheinlich 1:40, 1:50, wenn wir das mit den 1,5 oder 2 Millionen im Jahr bei den Männern vergleichen. Das wissen nur ganz Wenige: Wir haben ja die DFL, die Deutsche Fußball Liga, die für die gesamte Vermarktung zuständig ist – allerdings nur im Männerfußball. Beim Frauenfußball liegen die Ligaorganisation und die Vermarktung aktuell noch beim DFB. Strukturell wird der Frauenfußball aber vielerorts immer noch als Amateurfußball behandelt. Auf der anderen Seite spielt der Frauenfußball weniger Gelder ein. Dann immer Equal Pay zu fordern, ist auch schwierig, weil die Vereine auch wirtschaftlich zurechtkommen müssen. Aber ich plädiere immer für Equal Play. Die Basis sollte zumindest identisch sein, also: gute Trainingsbedingungen, hochqualifizierte Trainer, ein Grundgehalt, durch das ich mich voll und ganz professionell auf den Fußball konzentrieren kann. Zuerst muss natürlich investiert werden. Auch Startups müssen zunächst einmal in Vorkasse gehen, dasselbe gilt für den Frauenfußball. Später kann man nachziehen und TV-Rechte erwerben, und dann kommt das Sponsoring.
Haben die Vereine und der DFB daran kein Interesse?
Man darf nicht vergessen: Der Männerfußball hat 50, 60 Jahre Vorsprung. Letztes Jahr gab es die Idee, ein Joint Venture nach Vorbild der DFL zu gründen, an dem der DFB als auch die 14 Clubs jeweils 50 Prozent der Anteile halten. Bei dem neuen Joint Venture wurde man sich nach langer Verhandlung zum Schluss nicht ganz einig, weil man sich über Mitbestimmungsrechte nicht einigen konnte. Es wurde aber trotzdem im letzten Jahr die Frauenbundesliga FBL e.V. von allen 14 Clubs ausgegründet. Spannender ist aber zu überlegen, wie wir Frauenfußball anders vermarkten könnten. Er muss und soll keine Kopie des Männerfußballs sein, sondern eigenständig, und auch nicht quersubventioniert von den Männern, wie die größten Vereine das gerade machen. Wenn das so weitergeht, ist die 1. Frauenbundesliga in vier bis sechs Jahren ein Abbild der 1. Männerbundesliga. Du wirst dieselben Vereine sehen, du wirst dieselbe Tabelle sehen. Da wollen wir nicht hin. Wir wollen eine eigenständige Liga und auch das Geld vom DFB anders verteilen: Vielleicht sollte Bayern München nicht genauso viel bekommen wie kleine Vereine.
Im Männerfußball wehren sich gerade viele Fans gegen diese Kommerzialisierung. Da stellt sich die Frage, ob Frauenfußball in dieselbe Richtung gehen könnte.
Es gibt mittlerweile mehr Gestaltungsspielraum. Zum Beispiel gibt es jetzt den FC Viktoria Berlin, der letztes Jahr in die 2. Liga aufgestiegen ist und jetzt erstmals einen internationalen Investor mit Monarch Collective dabei hat. Dieser Investor, der primär im Frauensport aktiv ist, kommt aus den USA und öffnet weiteren Zugang zu internationalen Partnerschaften und wertvollem Know-how. Natürlich geht es am Ende auch um Kommerzialisierung, aber nichtsdestotrotz vielleicht auch um andere Werte. Natürlich braucht man immer gewisse Geldmittel. Es bleibt immer noch die Frage: Wen hole ich als Investor rein? Wie viel Mitspracherecht hat der Club dann noch?
Bei Männerfußballgehältern gibt es keine Grenze nach oben, das sind wirklich extreme Gehälter, vor allem auf dem Transfermarkt. Sollte auch das eingeholt werden?
Da werden Summen aufgerufen, die kaum nachvollziehbar sind, das ist absolut kritisch zu sehen. Am Ende ist es natürlich Teil der freien Marktwirtschaft. Auch bei DAX-Konzernen fragt man sich, wie es sein kann, dass ein CEO so extrem viel verdient. Bevor wir uns darüber unterhalten, sollten wir unten ein Minimum an Gehältern zahlen. Großbritannien mit der Women’s Super League und die USA mit der NWSL sind bei der Professionalisierung einige Schritte voraus, dort sind Mindestgehälter und deutlich höhere Durchschnittsgehälter längst etabliert. Das sorgt teilweise dafür, dass deutsche Top-Spielerinnen eben nicht in Deutschland spielen, sondern wechseln. Allein um die deutschen Talente zu halten, müssen wir mitziehen – im Sport sind es ja nun mal auch die Stars, die das Publikum anziehen. Wenn wir später irgendwann über ein Maximum sprechen, dann können wir uns glücklich schätzen.
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