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Das Wirtschaftsmagazin

Der Faschismus nutzt den Neoliberalismus als Grundlage

Wie nach Lehrbuch: Die neoliberalen Verwerfungen der vergangenen Jahrzehnte sind das Einfallstor des neuen Faschismus.

4 Minuten Lesedauer

Trump setzt den Faschismus nach Lehrbuch um. Credit: IMAGO/ZUMA Press Wire

Stellen Sie sich vor, die Faschisten, die wir Mitte des 20. Jahrhunderts endgültig besiegt glaubten, hätten einen Entwurf in einem Tresorraum hinterlegt – einen Plan, den sie ihren geistigen Erben hinterlassen hätten, die entschlossen sind, den Faschismus wieder groß zu machen. Was würde darin stehen? 

Er würde mit einer Strategie beginnen, die sich an der Linken orientiert. Zunächst würde er empfehlen, den Crony-Kapitalismus ins Visier zu nehmen. Kopieren Sie die Argumente der Linken gegen den korrupten Finanzsektor und die Rolle der Zentralbanken bei dessen Unterstützung. Kritisieren Sie dann das Wahlsystem, das sich auf zwei Fraktionen desselben oligarchischen Regimes oder »Einheitspartei« stützt.

Danach sollte man den Staat dafür angreifen, dass er den Wünschen der Großunternehmen nachgibt. Gleichzeitig sollte man das neoliberale Mantra wiederholen und sich als neoliberaler als Margaret Thatcher und Ronald Reagan zusammen präsentieren. Man sollte Beamte als faule Schmarotzer bezeichnen, die die Arbeiterklasse ausbeuten, und so einen Keil zwischen die Beschäftigten des öffentlichen und des privaten Sektors treiben.

Um eine Bewegung zu schmieden, vereinen Sie die Opfer des Neoliberalismus mit Menschen, die Thatcher oder Reagan in guter Erinnerung behalten. Um sie alle gegen die neoliberalen Zentristen aufzubringen, stellen Sie diejenigen, die sich ihre politischen Sporen im Kampf gegen die Linke verdient haben – Politikerinnen und Politiker wie den ehemaligen britischen Premierminister Tony Blair und den ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton sowie die von ihnen neu gestalteten politischen Parteien –, als Marxisten dar. Um dieses Bündnis zu festigen, versprechen Sie die Rückkehr zu einem fiktiven Goldenen Zeitalter. Schwärmen Sie von einer nationalen Wiedergeburt, für die sowohl die dekadente Bourgeoisie als auch die verräterische Linke besiegt werden müssen.

Diskriminierung systematisieren

Vor allem darf man die Macht des Kultes der rassischen Reinheit niemals unterschätzen. Natürlich ist niemand »rein«. Wir sind alle Mischlinge. Aber die Menschen können zu frenetischer Begeisterung angestachelt werden, wenn man ihre Städte als von fremden, gefährlichen Einflüssen (US-Präsident Donald Trump bevorzugt das Wort »Ungeziefer«) übersät darstellt und verspricht, die Unreinheiten zu beseitigen, die sich wie Viren in ihren Gemeinden ausbreiten.  

Die »Unreinen«, die ins Visier genommen werden sollen, können Juden, Muslime, Transgender sein – wer auch immer mit geringem Aufwand stigmatisiert werden kann. Dazu müssen Sie die Seelen der Entrechteten der Gesellschaft mit einer moralischen Panik infizieren, dass sie durch Menschen ersetzt werden, die noch elender sind als sie selbst. Dann und nur dann versprechen Sie ihnen, sie »wieder« groß zu machen.

Wenn sich Ihre neue faschistische Koalition formiert, beleben Sie sie mit Frauenfeindlichkeit und dem Versprechen, dass ein großer Führer – ein weiser Vater – das nationale Haus in Ordnung bringen wird. Weisen Sie dabei unbedingt auf die derzeitige Unfähigkeit weißer Männer hin, ihr eigenes Haus in Ordnung zu bringen, aber achten Sie darauf, den »woke«-Feminismus dafür verantwortlich zu machen, und erwähnen Sie niemals die wahren Ursachen (Sparmaßnahmen, verbriefte Immobilien und drastische Kürzungen im Bereich der öffentlichen Bildung und Gesundheit).

Selbstinszenierung

Bieten Sie stattdessen einen einfachen Gesellschaftsvertrag an: Wir werden uns um Sie kümmern und Sie wieder stolz machen. Im Gegenzug müssen Sie uns absolute Macht gewähren, damit wir, befreit von den Fesseln des liberalen Staates, den Körper der Nation reinigen, in die glückliche Vergangenheit zurückgreifen und Ihr Gefühl von Macht und Überlegenheit zurückgewinnen können.

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Yanis Varoufakis

Yanis Varoufakis ist ehemaliger griechischer Finanzminister, Vorsitzender der Partei MeRA25 und Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Athen.

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