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Das Wirtschaftsmagazin

2 Millionen Menschen: Per Definition arm – in der Statistik unsichtbar

Wer bestimmt, wer arm ist? Das Statistische Bundesamt hat seine Berechnungsgrundlage geändert – und plötzlich gelten 2 Millionen Menschen nicht mehr als arm.

5 Minuten Lesedauer
Ältere Frau, die in einer deutschen Innenstadt mit einem Stock geht (Symbolbild). Credit: IMAGO/NurPhoto
An der deutschen Armutsstatistik gibt es Kritik (Symbolbild). Credit: IMAGO/NurPhoto

Sprache macht Politik. Wer Themen- und Meinungsführerschaft übernehmen will, muss Begriffe besetzen. Die Union hat es in ihren letzten Kampagnen schulbuchmäßig vorgeführt: »Totalverweigerer« war ein solches Schlüsselwort, aber auch »Lifestyle-Teilzeit«, der Merz’sche »Sozialtourismus« oder die schon ältere »Anti-Abschiebe-Industrie« eines Alexander Dobrindt. Wenn sich das gegnerische Lager so richtig empört zeigt, ist das für die Union umso besser: Der gewünschte Platzierungseffekt verstärkt sich noch mehr. Ohne das strategische Setzen von Begriffen läuft in der politischen Kommunikation gar nichts. Die Medien wollen diese Ein-Wort-Botschaften. Und die politischen Akteure brauchen die Medien. 

Eine ähnliche Funktion erfüllen Zahlen. Zahlen und Statistiken suggerieren Gewissheit, Faktennähe und Objektivität. Für die gelungene politische Kommunikation sind Kennzahlen ungemein hilfreich. Sie werden von den Medien genauso begierig aufgenommen wie die zugespitzte Formulierung. Die gesamte Botschaft kann in einer einzigen Zahl verpackt werden, idealerweise in einer Rekordzahl. Ob Rekordausgaben für das Soziale, Rekordsteueraufkommen des Bundes oder Rekordverschuldung der Kommunen: Superlative funktionieren zuverlässig, auch wenn sie zu Nominalbeträgen ohne Berücksichtigung von Inflation und anderen Rahmendaten zumeist eher irreführend als aufklärend sind.

Quoten, die für Aufsehen sorgen

Neben Sprache machen auch Zahlen Politik: Man kreiert sie selbst, gibt Studien in Auftrag oder springt auf, wenn andere sie vorlegen. Das gilt auch, wenn es um die Armut im Lande geht. Armutsquoten, der prozentuale Anteil armer Menschen an der Bevölkerung, sind mediale Selbstläufer. Und so nutzen insbesondere Sozialverbände regelmäßig die Veröffentlichungen der Quoten durch das Statistische Bundesamt, um auf soziale Missstände aufmerksam zu machen und ihre einschlägigen politischen Forderungen in den Medien zu platzieren.

Meistbeachtet und meistgenutzt waren bisher die Quoten, die das Statistische Bundesamt auf der Grundlage des sogenannten Mikrozensus errechnete, einer jährlichen Befragung von rund 800.000 Personen in rund 400.000 Haushalten, also 1 Prozent der Bevölkerung. 

Über 14 Millionen Einkommensarme, eine Armutsquote von 16,6 Prozent, bei Minderjährigen sogar von 20,7 und bei Alleinerziehenden von 41 Prozent – das waren Zahlen, die im Frühjahr 2024, alarmierten. Es waren die sogenannten Erstergebnisse des Mikrozensus für 2023. Üblicherweise hätten einige Monate später die Endergebnisse kommen müssen, in die dann auch die Fragebögen der letzten Nachzügler eingegangen wären. Doch darauf wartete die interessierte Fachöffentlichkeit dieses Mal vergeblich. Stattdessen ließ das Amt über seine Homepage verlauten, dass die bundesweiten Armutsquoten des Mikrozensus ab sofort nicht mehr zur Verfügung gestellt würden. Selbst was bereits im Netz war, wurde rückwirkend bis 2020 wieder gelöscht. 

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Ulrich Schneider

Ulrich Schneider ist als Sozialexperte und Kommunikationsberater für die GKS Consult – Gesellschaft für Kommunikation und Soziales tätig. Er war langjähriger Hauptgeschäftsführer des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes.

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