Unser Bild von Produktion im 19. und 20. Jahrhundert ist geprägt von der Fabrik. Brüllende Maschinen, lodernde Flammen, große Hitze und aufsteigender Rauch: Hier wurde Kohle in Industriekraft umgewandelt. In den hochentwickelten Staaten des 21. Jahrhunderts ist das dazu passende Äquivalent das Rechenzentrum. Diese digitalen Fabriken brüllen nicht, sie summen. Es gibt auch keinen Rauch – das liegt freilich nur daran, dass riesige Mengen an Kühlluft verhindern, dass die gigantischen Rechenmaschinen überhitzen, wenn elektromagnetische Wellen mit nahezu Lichtgeschwindigkeit durch ihre mikroskopisch kleinen Schaltkreise gefeuert werden.
Diese Maschinen verbrauchen Energie in einem bisher nie dagewesenen Ausmaß; wir rechnen hier pro Datenzentrum in Gigawatt. Die einzigen vergleichbaren Industrieanlagen sind Chip-Produktionsstätten mit hochenergetischen Lasern oder Aluminiumhütten. Im Silicon Valley war man früher stolz darauf, über reichlich Liquidität zu verfügen und wenig Kapital zu benötigen. Die aktuelle Generation der großen Tech-Industrie braucht hingegen Investitionen in Billionenhöhe. Rechenzentren sind im wahrsten Sinne des Wortes Produktivkräfte.
Was diese Maschinen produzieren, ist etwas Beispielloses: gigantische algorithmische Manipulationen der geschriebenen Sprachsysteme, auf die sich die menschlichen Zivilisationen seit 5.000 Jahren stützen, um Macht, Eigentum, Kultur und Bedeutung zu vermitteln und zu organisieren. Die Algorithmen manipulieren nicht einfach das Alphabet oder Wörterbücher, den Kanon der Schriftsprache. Vielmehr haben sie sich einen großen Teil des digital verfügbaren Bestands an schriftlicher Kommunikation einverleibt und ihn in Matrizen mit Milliarden Korrelationen umgewandelt.
Dass dies überhaupt denkbar ist – dass wir Algorithmen haben, deren Output kaum von dem denkender Menschen zu unterscheiden ist (die also den berühmten Test von Alan Turing bestehen) –, ist der jüngste Beweis für die erstaunliche Wandlungskraft der Moderne. Die Auswirkungen auf den Aktienmarkt sind ebenso dramatisch: Die US-amerikanischen Big-Tech-Konzerne sind die wertvollsten Unternehmen in der Geschichte des Kapitalismus. Ihre Chefs sind die reichsten Männer (es sind ausschließlich Männer) aller Zeiten. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir den ersten Billionär haben.
Aber was bedeutet das? Wie wird sich all das auf unser Leben auswirken? Wird dieser enorme Anstieg an Energie- und Investitionsbedarf über hohe Bewertungen am Aktienmarkt hinaus tatsächlich echtes Geld einbringen? Das Wesentliche einer echten Disruption ist, dass wir nicht wissen, was mit uns geschieht. Wir haben nur ein diffuses Gefühl für unsere Situation, ohne Konzepte oder eine klare Zukunftsvision. Das ist genau das, was KI derzeit mit der Weltwirtschaft macht. Seit wann eigentlich? Wenn man einen Startpunkt benennen möchte, dann wohl die Einführung von ChatGPT durch OpenAI am 30. November 2022.


Dass die Disruption, die wir derzeit erleben, ein riesiges Ausmaß annimmt, lässt sich daran ablesen, dass sich selbst gut informierte Akteure nicht über die Tragweite und die Auswirkungen einig sind. Sicher ist nur: Die Unwägbarkeiten sind enorm und der Einsatz hoch.
KI ist revolutionär, doch in welche Richtung es geht, ist offen
Das Spektrum der Menschen, die erwarten, dass diese Entwicklung erhebliche Auswirkungen haben wird, ist breit. Einige prophezeien, dass AGI eine Superintelligenz hervorbringen und unsere bisherige Zivilisation beenden wird. Andere wiederum halten die KI in ihren verschiedenen Ausprägungen für eine bereichernde Kulturtechnologie, für den nächsten Schritt auf dem Pfad, der uns von der Druckerpresse bis zum PC gebracht hat. Bei den Kritikern gibt es diejenigen, die vor einer »Enshittification-Flut« warnen, und andere, die vor allem befürchten, dass das Platzen der KI-Blase gigantische ökonomische Schäden verursachen dürfte.
