Der polnische Ökonom Michał Kalecki nannte die Volkswirtschaftslehre einst »die Wissenschaft der Verwechslung von Bestands- und Flussgrößen«. Seine humoristische Beobachtung trifft nirgends mehr zu als in der Analyse öffentlicher Schulden. Laut eines neuen Arbeitspapiers des National Bureau of Economic Research (NBER) ist das am häufigsten verwendete Maß zur Beurteilung der »Nachhaltigkeit« der öffentlichen Schulden, das Verhältnis der öffentlichen Schulden zum Bruttoinlandsprodukt (BIP), auch Schuldenquote genannt, irreführend und nicht zweckmäßig.
Die Ökonomen Jonathan Berk und Jules van Binsbergen haben verschiedene Kennzahlen der Schuldentragfähigkeit analysiert: Wann wird die öffentliche Verschuldung zum Risiko? Sie kommen zu dem Schluss, dass mit der Schuldenquote dazu keine Aussagen getroffen werden können. Sie schlagen stattdessen vor, entweder die Zinszahlungen im Verhältnis zum BIP (interest-to-GDP ratio) zu betrachten oder die öffentlichen Schulden mit dem öffentlichen Nettovermögen (debt-to-equity ratio). Indem entweder Flussgrößen oder Bestandsgrößen miteinander verglichen werden, könnten im Gegensatz zum Verhältnis von Schulden zum BIP ökonomisch bedeutsame Aussagen ohne zusätzliche Annahmen getroffen werden.
Warum die Schuldenquote?
Das Verhältnis öffentlicher Schulden zum BIP ist eine einfache Verhältniszahl, die politisch sehr mächtig ist. Zum Beispiel schreiben die Fiskalregeln der Europäischen Union (EU) den Mitgliedsstaaten bereits seit 1992 vor, die Schulden auf 60 Prozent des BIPs zu begrenzen, um eine »mittel- bis langfristige Schuldentragfähigkeit« zu erhalten. Dazu gehört, Maßnahmen zu ergreifen, um die Schuldenquote wieder zu reduzieren, sobald das Maß überschritten ist, sprich: Ausgabenkürzungen und Schuldenabbau. An diesen Regeln entzündet sich auf EU-Ebene regelmäßig Zoff, zurzeit steht insbesondere die französische Haushaltsplanung im Fokus.
Aber auch darüber hinaus gehen viele Ökonomen, Politiker und Journalisten davon aus, dass künftig steigende Schuldenquoten ein Problem für die »fiskalische Nachhaltigkeit« und »Generationengerechtigkeit« darstellen würden, und mahnen deshalb zu Ausgabenbeschränkungen wie etwa durch die Schuldenbremse.
Doch was sagt diese Schuldenquote überhaupt aus? Schauen wir uns die Terme genauer an: Im Zähler steht die Menge ausstehender öffentlicher Schulden. Im Nenner steht das Bruttoinlandsprodukt, also der Wert aller im Land produzierten Güter und Dienstleistungen in einem Jahr. Dieses Verhältnis steigt, wenn entweder der Schuldenstand schneller wächst als das BIP oder das BIP schneller sinkt als die Schulden. Das heißt, es ist möglich, die Schulden zu reduzieren – und gleichzeitig die Schuldenquote zu erhöhen!
Das prominenteste Beispiel dafür ist der rigide Sparkurs, der Griechenland während der Eurokrise aufgezwungen wurde. Der Schuldenabbau trug zum Einbruch der Wirtschaftsleistung bei, der Nenner des Bruchs (BIP) sank schneller als der Zähler (Schuldenstand), das Ergebnis ist bekannt: eine große griechische Depression.
Umgekehrt haben damals wie heute kritische Ökonominnen und Ökonomen argumentiert, dass es zweckmäßiger sei, die Schuldenaufnahme zu erhöhen, um über das angeschobene Wachstum die Schuldenquote zu reduzieren. Sie setzen also darauf, dass die Schulden weniger schnell wachsen als das BIP, beziehungsweise der Nenner schneller wächst als der Zähler. Dieser Fall kann vorliegen, wenn die öffentlichen Ausgaben besonders viel private Wirtschaftsaktivität anregen. Das wird mit dem Konzept des »Fiskalmultiplikators« theoretisch erklärt und empirisch nach Ausgabenarten gemessen.
Worauf es ankommt
Doch die Forscher gehen noch einen Schritt weiter und stellen die entscheidende Frage: Welchen Grund haben wir, anzunehmen, dass diese Terme überhaupt etwas miteinander zu tun haben? Der Schuldenstand ist eine Bestandsgröße, da es sich um alle ausstehenden Schulden des Staates zu einem bestimmten Zeitpunkt handelt – entsprechend wird oft von einem »Schuldenberg« gesprochen. Das Bruttoinlandsprodukt als Flussgröße misst die inländische Produktion über ein Jahr.
