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Das Wirtschaftsmagazin

Chinas Dominanz auf dem Weltmarkt macht eine Reaktion nötig

China exportiert immer mehr – das sorgt im Rest der Welt für Umbrüche. Die konkurrierenden Staaten sollten sich drei Ziele setzen.

4 Minuten Lesedauer

Chinas Handelsbilanzüberschuss wächst und wächst. Credit: IMAGO/VCG

Während Chinas Handelsbilanzüberschuss wächst und die Exporte des verarbeitenden Gewerbes zunehmend die globalen Märkte dominieren, fragt sich der Rest der Welt, wie er darauf reagieren soll. Sollten die Länder Handelsbarrieren gegen China errichten? Versuchen, sich von China abzukoppeln, indem sie ihre Produktion verlagern und nationale Lieferketten aufbauen? Die chinesische Strategie der Ankurbelung der Produktion durch industriepolitische Maßnahmen nachahmen?

Die politischen Entscheidungsträger müssen sich zunächst fragen, warum Chinas Exporte überhaupt ein Problem darstellen. Schließlich verkörpern Billigimporte die Vorteile des Handels. In wichtigen Bereichen wie den erneuerbaren Energien haben die chinesische Innovation und die Leistungsfähigkeit des verarbeitenden Gewerbes erhebliche Vorteile für das Klima gebracht – ein globales öffentliches Gut. Außerdem sind bilaterale Handelsdefizite für sich genommen wenig besorgniserregend. Große Ungleichgewichte im Gesamthandel können ein Problem darstellen, aber diese lassen sich besser mit makroökonomischen Maßnahmen als mit auf China ausgerichteten sektoralen Strategien in den Griff bekommen.

Dennoch gibt es drei vernünftige Argumente, warum Chinas Exporte problematisch sind. Im Mittelpunkt stehen dabei Überlegungen zur nationalen Sicherheit, die Auswirkungen auf die Innovation und der Verlust von Arbeitsplätzen. Jedes dieser Argumente erfordert eine eigene Strategie. Da die derzeitigen politischen Entscheidungsträger sie jedoch zu oft miteinander vermischen, haben wir stattdessen schlechte politische Ergebnisse erzielt.

Gegen Abhängigkeiten

Beginnen wir mit der nationalen Sicherheit. Führende Politiker in den Vereinigten Staaten und Europa betrachten China zunehmend als Gegner und geopolitische Bedrohung. Daher sind handels- und industriepolitische Maßnahmen zum Schutz strategischer und verteidigungspolitischer Interessen gerechtfertigt, etwa durch die Verringerung der Abhängigkeit von kritischen Militärgütern und den Schutz sensibler Technologien. Wenn solche Maßnahmen ergriffen werden, haben die Regierungen die Pflicht, den Bürgern – und auch China, damit die internationalen Spannungen nicht noch größer werden – zu zeigen, dass ihre Politik angemessen auf Waren, Dienstleistungen und Technologien ausgerichtet ist, die für die nationale Sicherheit relevant sind, und dass sie gut kalibriert ist, um zu vermeiden, dass ihr Ziel überschritten wird.

Hier ist die von Jake Sullivan, dem nationalen Sicherheitsberater von Präsident Joe Biden, formulierte Strategie des »kleinen Gartens mit hohem Zaun« nach wie vor der richtige Ansatz. Ernsthaft angewandt, würde diese Doktrin für Disziplin beim Einsatz von Handelsmaßnahmen zu Zwecken der nationalen Sicherheit sorgen. Sie würde auch den gegenseitigen Austausch von Erklärungen und den Dialog fördern und so eine schädliche Eskalation verhindern.

Eigenen Fortschritt fördern

Der nächste Punkt ist die Innovation. Hier besteht die Sorge, dass Chinas Exporte die Innovationsfähigkeit der Importländer untergraben und damit die Aussichten auf künftigen Wohlstand schmälern könnten. Obwohl die verarbeitende Industrie einen immer geringeren Anteil der Arbeitskräfte in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften beschäftigt, ist sie nach wie vor eine unverhältnismäßig große Quelle für F&E und Innovationsspillover. Wenn diese Aktivitäten durch chinesische Importe verdrängt werden, verringern sich die Gewinne aus dem Handel oder wandeln sich sogar in Verluste um.

Die Bewältigung dieses Problems erfordert jedoch auch eine kalibrierte und differenzierte Reaktion. Die Politik muss sich auf die fortschrittlicheren Segmente des verarbeitenden Gewerbes konzentrieren, wo die Aussichten auf neue Technologien und externe Innovationswirkungen am größten sind. Es macht wenig Sinn, Konsumgüter oder etablierte Industrien, die Standardtechnologien verwenden, zu schützen. Im Automobilsektor sollten sich die USA und Deutschland beispielsweise auf die nächste Generation von Elektrofahrzeugen konzentrieren und nicht auf die Massenproduktion von Elektroautos, die China inzwischen so gut herstellen kann.

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Dani Rodrik

Dani Rodrik ist Professor für internationale politische Ökonomie an der Harvard Kennedy School der Harvard University in den USA.

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