Heute steht der Name Clara Zetkin für die Einführung des Internationalen Frauentags, der weltweit alljährlich begangen wird. Im 19. Jahrhundert war sie für Kaiser Wilhelm II. »die gefährlichste Hexe des deutschen Reichs«. An der Wende zum 20. Jahrhundert war sie die bekannteste Vertreterin eines feministischen Sozialismus in Europa. Im sogenannten Dritten Reich wurde sie von den Nazis geächtet und bedroht. Danach geriet sie in der Bundesrepublik in Vergessenheit, während des Kalten Krieges war sie als »rote Feministin« unerwünscht.
Clara Zetkin war eine umstrittene und streitbare sozialistische Persönlichkeit. Sie wurde als Clara Eißner 1857 im sächsischen Wiederau geboren. Eine Region, in der viele Bäuerinnen und Heimarbeiterinnen im Elend lebten, später eine Hochburg der Frauenstreiks um Arbeitszeitverkürzung.
Sie stammte aus einer Familie, die den Idealen der Französischen Revolution – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – sowie der Aufklärung verbunden war. Sie genoss eine gute Lehrerausbildung in Leipzig. Und sie engagierte sich in der frühen Arbeiterbewegung. Als ihr revolutionärer Freund Ossip Zetkin, ein russischer Tischler, als »lästiger Ausländer des Kaiserreichs« verwiesen ins Pariser Exil ging, folgte sie ihm. Dort beauftragte sie die deutsche sozialdemokratische Partei mit der Vorbereitung des Gründungskongresses der II. Internationale in Paris. Mit ihrer Rede über die Befreiung der Frau im Juli 1889 begann auch ihre politische Karriere: als Agitatorin der Sozialdemokratie und der proletarischen Frauenbewegung, als Herausgeberin der Gleichheit, und als kommunistische Parlamentsabgeordnete während der Weimarer Republik.
In dieser Pariser Rede stand das Frauenrecht auf Arbeit im Mittelpunkt. Zetkin war selbst ihr Leben lang berufstätig und ökonomisch unabhängig – aus wirtschaftlicher Notwendigkeit, und aus Überzeugung von der Bedeutung der Berufstätigkeit für die Emanzipation der Frau.
Industrialisierung und Ausbeutung der Frauenarbeit
Ihre Grundsatzrede hielt sie zur Zeit der kapitalistischen Industrialisierung und der damit verbundenen Trennung von Produktion und Reproduktion, von Erwerbs- und Hausarbeit. In dieser Zeit musste die Mehrzahl der Frauen unter schwierigen Bedingungen arbeiten, wenig qualifiziert und schlecht bezahlt, mit einer durchschnittlichen Arbeitszeit von 14 Stunden. Die Kinderarbeit fing oft mit dem vierten Lebensjahr an. Frauen wurden als ›Anhängsel‹ des Mannes bezahlt. Durch ihre außerhäusliche Erwerbstätigkeit, so Zetkin, befand sich die Arbeiterin in derselben sozialen Abhängigkeit vom Unternehmer wie der Arbeiter. Die ›Haussklavin‹ wurde nun auch ›Lohnsklavin‹.
In der entstehenden Arbeiterinnenbewegung gab es wenige Befürwortende der Frauenerwerbstätigkeit – darunter August Bebel, der Autor von Die Frau und der Sozialismus (1879) –, dafür aber starke frauenfeindliche Strömungen und Widerstände. Entsetzt über das Elend der Familien forderten Arbeiter und Handwerker 1848 das Verbot der gewerblichen Frauenarbeit. Die Arbeiterin wurde zur Schmutzkonkurrentin des Mannes und Lohndrückerin erklärt. Ein solches Verbot wurde auch vom Unterstützungsverband der Zigarren- und Tabakarbeiter 1849 in Leipzig gefordert, ebenfalls auf dem Kongress der Internationalen Arbeiterassoziation in Genf 1866. Die Fabrikarbeit von Frauen sei eine der »Ursachen für die Degeneration der menschlichen Rasse«. Die Anhänger des sozialistischen Politikers Ferdinand Lassalle und der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein wollten die Tätigkeiten der Frau auf die »weibliche Sphäre« einschränken.
Frauenerwerbsarbeit als Voraussetzung für Emanzipation
Dies war für Clara Zetkin 1889 Anlass, ihren Pariser Vortrag der »Frage der Frauenarbeit« zu widmen (Broschüre: Die Arbeiterinnen- und Frauenfrage der Gegenwart). Zetkins Argumente waren: Die Frauenarbeit ist eine gesellschaftliche Notwendigkeit, die nicht mehr rückgängig gemacht werden kann; auf der ökonomischen Abhängigkeit oder Unabhängigkeit beruht die soziale Sklaverei beziehungsweise die Freiheit; ohne wirtschaftliche Abhängigkeit vom Mann gibt es keinen Grund mehr für die soziale Abhängigkeit vom Mann; die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Frau ist die Voraussetzung für die Beseitigung der Unterdrückung. Sie erklärte: »Wie der Arbeiter vom Kapitalisten unterjocht wird, so die Frau vom Manne; und sie wird unterjocht bleiben, solange sie nicht wirtschaftlich unabhängig dasteht.« Die Frauenarbeit abschaffen oder beschränken zu wollen, liefe darauf hinaus, die Frau zu dauernder ökonomischer Abhängigkeit, zu gesellschaftlicher Knechtung und Ächtung, zu Prostitution in- und außerhalb der Ehe zu verurteilen.
Wesentliche Momente im Emanzipationskampf seien zudem die Organisierung und Schulung der Arbeiterin. Angesichts der Hindernisse und Vorurteile, des »Gewohnheitsschlendrian und des Egoismus der Männer«, befürwortete Zetkin besondere Formen der Frauenarbeit, was sie »Werkstubenagitation« nannte. Später wurden es eigenständige Frauenstrukturen, die von Männern als »Quertreibereien und Sonderbündelei« abgelehnt wurden.
Aus dem großen Anteil der Frauen an der gesellschaftlichen Arbeit schloss Zetkin auch die Pflicht der Gesellschaft, ihnen Rechte zu gewähren – so das Recht auf Mitentscheidung in Gemeinde, Staat und Reich. Mit der KPD-Reichstagsfraktion forderte sie die volle Gleichberechtigung der Frauen bei der Besetzung sämtlicher Arbeits- und Dienststellen – sozusagen eine Quote.
Es war kein einfacher Klärungsprozess innerhalb der Arbeiterbewegung. Immer wieder tauchte die »Natur der Frau« als Argument gegen Frauenarbeit auf. So in den Thesen des sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Edmund Fischer von 1905 bis 1906: Die sogenannte Frauenemanzipation widerspreche »der weiblichen Natur«, Mutterschaft und Beruf seien unvereinbar.
Vor dem Hintergrund von Inflation, Arbeitslosigkeit und Weltwirtschaftskrise in der Weimarer Republik wurde das Recht auf Arbeit erneut infragegestellt. 1919 traten die ›Demobilmachungsverordnungen‹ in Kraft: Frauen wurden aus dem öffentlichen Dienst, verheiratete Frauen aus der Produktion entlassen. Die Notverordnungen von 1923 senkten die Löhne und kürzten die sozialen Ausgaben und die Arbeitslosenunterstützung. Der gesetzliche Achtstunden-Arbeitstag wurde faktisch beseitigt.
