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Das Wirtschaftsmagazin

Isabelle Ferreras: »Unternehmen regieren uns – doch wir sollten sie regieren«

Wir leben in Demokratien, verbringen aber einen Großteil unseres Lebens in autoritär geführten Unternehmen. Die Soziologin Isabelle Ferreras erklärt, warum der Arbeitsplatz demokratisiert werden muss.

10 Minuten Lesedauer

Isabelle Ferreras spricht in ein Mikrofon. Credit: Isabelle Ferreras
Credit: Isabelle Ferreras

Spanien lässt gerade prüfen, was anderswo kaum politisch umgesetzt wird: Wie kommt die Demokratie in den Betrieb? Den Bericht dazu hat die Soziologin Isabelle Ferreras mit einer internationalen Expertenkommission für die Regierung in Madrid erarbeitet. Im Surplus-Interview spricht Ferreras über Unternehmen als Orte privater Herrschaft, weshalb Beschäftigte die eigentlichen Investoren eines Betriebs sind – und was wirtschaftliche Demokratie praktisch bedeutet.

Maxine Fowé: Viele Manager nennen Unternehmen demokratisch, weil Aktionäre abstimmen und Kapital riskieren. Was entgegnen Sie dem?

Isabelle Ferreras: Wer in einem Unternehmen arbeitet, investiert sich selbst: den eigenen Verstand, die Motivation, die körperliche und zunehmend auch die psychische Gesundheit. Rein deskriptiv ist klar, dass Arbeiterinnen und Arbeiter das Wichtigste riskieren, was es gibt: sich selbst.

Wir leben dennoch in einer Realität, in der der Begriff »Investor« von denen vereinnahmt wurde, die Kapital einbringen. Natürlich ist Geld wichtig. Aber wir sollten uns fragen: Wer investiert wirklich? Diejenigen, die ihre Arbeitskraft, ihren Körper und ihre Lebenszeit in das Unternehmen einbringen.

Genau deshalb wäre das Mindeste, dass die Belegschaft die eingegangenen Risiken verstehen, kontrollieren oder zumindest mitbestimmen kann. Tatsächlich ist es meist umgekehrt: Wer seine Arbeitskraft in das Unternehmen investiert, unterliegt dessen Entscheidungen. Unternehmen sind politische Einheiten, die keine Rechenschaft gegenüber denjenigen ablegen, über die sie herrschen. Beschäftigte unterliegen den Regeln der Firma, ohne diese Regeln mitbestimmen zu können.

Im politischen Bereich gelten Entscheidungen als legitim, wenn die Öffentlichkeit ihnen über Wahlen, Rechenschaftspflichten und ähnliche Mechanismen zustimmt. Aber dort, wo wir einen großen Teil unseres Lebens verbringen – am Arbeitsplatz –, werden wir tagtäglich regiert, ohne den Status mitbestimmender »Bürger« zu haben.

Wenn Beschäftigte die eigentlichen Investoren sind: Warum wurde das jahrzehntelang verdrängt?

Wir sind gerade erst dabei, die neoliberale Phase der vergangenen fünfzig Jahre hinter uns zu lassen. In dieser Zeit haben progressive Kräfte, auch die Gewerkschaften, diesen Widerspruch nicht ins Zentrum gestellt: Menschen leben als Bürger, arbeiten aber als Untergebene. Stattdessen konzentrierte man sich vor allem auf defensive Kämpfe, auf Löhne und quantitative Verbesserungen.

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Isabelle Ferreras

Isabelle Ferreras ist Research Director beim belgischen Forschungsfonds FNRS und Professorin für Soziologie an der Universität Louvain.

Maxine Fowé

Maxine Fowé ist Politökonomin und Redakteurin bei Surplus. Sie hat Philosophie, Politik & Ökonomie in Maastricht, London und Berlin studiert.

#8 – Wirtschaftsdemokratie

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