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Das Wirtschaftsmagazin

Kleingeist mit Kettensäge

Daniel Stelter versteht die Welt nicht mehr und hat darüber ein Buch geschrieben. Sein Ärger über alles und jeden fällt auf ihn zurück.

6 Minuten Lesedauer
Daniel Stelter ist Ökonom und Sachbuchautor. Sein Buch Absturz: So retten wir Deutschland erschien im April 2026. Credit: IMAGO/Lumma Foto
Daniel Stelter ist Ökonom und Sachbuchautor. Sein Buch Absturz: So retten wir Deutschland erschien im April 2026. Credit: IMAGO/Lumma Foto

Weihnachten ist zwar weit weg, aber das neue Buch des Ökonomen Daniel Stelter mit dem Titel Absturz: So retten wir Deutschland lässt an Charles Dickens’ Weihnachtsgeschichte denken. Spoiler alert: Die Stimmung in beiden Büchern ist wenig besinnlich. In Dickens’ Geschichte zählt für den Kapitalisten Scrooge nur die Arbeitskraft, nicht der Mensch. Stelter ist in seinem Buch ein Scrooge, der die Deutschen auf schwierigere Zeiten einschwört – und sie mit Vorschlägen, die auf massive Reallohnkürzungen hinauslaufen, auch aktiv herbeiführen will. Während er sich als warnende Stimme inszeniert, offenbart sein oberflächliches Stichpunkt-Stakkato seine eigenen Vorurteile und einen gefährlichen Mangel an sorgfältiger Analyse. Das hilft am Ende nicht Deutschland, sondern der einzigen Gruppe, die von seinem Rundumschlag verschont bleibt: den Reichsten. 

Seeing Like A Business

BWL ist nicht VWL. Absturz lässt sich jedoch als Versuch lesen, gesamtwirtschaftliche Herausforderungen mit einer betriebswirtschaftlichen Logik anzugehen. Dieser Versuch misslingt, aber auch das könnte aufschlussreich sein. Das ökonomische Programm Stelters ist schnell erklärt: Er möchte weiter intern abwerten, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen, und dabei Staat und Sozialsysteme schleifen. 

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Interne Abwertung bezeichnet eine wirtschaftspolitische Strategie, die internationale Preisposition des eigenen Landes ohne Änderung des Wechselkurses zu verbessern (was eine externe Abwertung wäre). Dafür soll das Preisniveau der im eigenen Land hergestellten Güter und Dienstleistungen relativ zu den Wettbewerbern niedrig gehalten oder gesenkt werden, um die Exporte zu steigern und Importe zu senken.

Die interne Abwertung betrifft vor allem die Lohnpolitik und begründet eine anti-inflationäre Haltung. Die Bundesrepublik Deutschland verfolgt diese Strategie in Währungsgemeinschaften, zuerst im Bretton-Woods-System, später in der Eurozone.

Ganz der BWLer, liegt Stelters Fokus auf dem Angebot des »Standorts Deutschland« mit Themen wie Energie, Steuern und Bürokratie. Zum Angebot gehören aber auch alle, die vom Verkauf ihrer Arbeitskraft leben müssen. Dementsprechend müssen auch die Lohnkosten niedrig gehalten werden, damit die Wettbewerbsfähigkeit erhalten bleibt. Wie niedrig? Konkret wird Stelter nicht. Aber er fordert, die Lebensarbeitszeit zu verlängern, die gesetzliche Renten- und Krankenversicherung zu kürzen und lobt die Lohnzurückhaltung der Nullerjahre. Die Richtung ist damit klar: massive Reallohnverluste zur Verbesserung der internationalen Preisposition.

Die Nachfrage kümmert ihn nicht – und damit auch nicht die möglichen Folgen: Lohnzurückhaltung und Sozialkürzungen würden die Nachfrage der Haushalte weiter schwächen. Das ist verwunderlich, denn er schreibt auch darüber, dass die ausländische Nachfrage aus China weggebrochen ist. Mehr noch: China hat sich in das überlegene Angebot gewandelt und nimmt Deutschland Weltmarktanteile im eigenen Revier der Hochtechnologien ab. Wo findet die inländische Produktion noch Absatz, wenn weder der Staat (mit der Kettensäge bearbeitet), noch Haushalte (verunsichert und verarmt) oder das Ausland (Wettbewerbsdruck aus China) mehr kaufen?

Überhaupt scheint Stelter seine Meinung zur Industrie noch nicht vollständig gebildet zu haben. Mal ist das Problem »falsche Industriepolitik«, mal lobt er »die Wirksamkeit von Chinas langfristiger strategischer Planung«, an wieder anderer Stelle heißt es: »Deutschland braucht keine neue Industriepolitik«. So ist er sich auch unsicher, wann die Deindustrialisierung eigentlich genau begonnen hat – beim Atomausstieg im Jahr 2011 oder 2018, wie er es an anderer Stelle nahelegt? Dass beides Quatsch ist, müsste Stelter eigentlich wissen. Zoomen wir über die letzten 20 Jahre hinaus, so fällt sofort auf, dass der Anteil des produzierenden Gewerbes am Bruttoinlandsprodukt von 1970 bis 2024 kontinuierlich gesunken ist, wie in allen anderen entwickelten Ländern der Welt. Das hat verschiedene Gründe, die auch international breit diskutiert werden, auf die Stelter zugunsten seiner pauschalen Politikerschelte aber nicht eingeht. Er kann auch nicht erklären, wieso der Übergang zu einer Dienstleistungsgesellschaft so schlimm sein soll, wenn etwa die hochgelobten USA mit einem viel höheren Anteil von Dienstleistungen an der Wertschöpfung zuletzt eine stärkere Produktivitätsentwicklung aufwiesen als Deutschland.

Persönliche Ärgernisse überall

Ein weiteres großes Fragezeichen muss man hinter Stelters Diskussion der Migration stellen. Das besteht darin, dass er das ganze Thema auf Geflüchtete reduziert und diese wiederum auf ihre »fiskalische Bilanz«. Seitenlang meckert er über die Erwerbstätigkeit und das Bildungsniveau von Geflüchteten, wie sie den Durchschnitt reduzieren und untragbare Kosten verursachen würden. Sein wichtigstes Kriterium zur Beurteilung? Ob »die Qualifikation der Zuwanderer – gemessen an Erwerbsbeteiligung und Einkommen – dem Durchschnitt der bereits hier lebenden Bevölkerung entspricht oder darüber liegt«. Dieses Kriterium ist unsinnig, denn die Qualifikation wird mit Abschlüssen und Berufserfahrung gemessen, nicht mit dem Einkommen. Das würde armen Menschen die Zuwanderung verbieten, egal, welche Qualifikation sie tatsächlich erworben haben. 

Stelters pauschales Urteil über Kosten und Nutzen der Migration ist umstritten. Viele Expertinnen und Experten sehen Migration als einen Schlüssel für die Wahrung von Wohlstand in einer alternden Gesellschaft. Zukunftsszenarien mit weniger Migration zeigen deutlich, wie der Druck auf die sozialen Sicherungssysteme steigen würde. Doch Stelter stellt Kritiker gleich ins Reich der »alternativen Fakten«, statt widersprechende Befunde zur Kenntnis zu nehmen. Dazu gehört auch, dass Menschen mit Migrationshintergrund überdurchschnittlich häufig Unternehmen gründen, was Stelter eigentlich besonders am Herzen liegen sollte.

Weiter zeigt der aktuelle Migrationsbericht des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF), dass nicht nur die Zuwanderung zuletzt sank, sondern auch mit 61,3 Prozent überwiegend von der europäischen Binnenmigration geprägt war. Wenn Stelter also gut ein Drittel der Migration – die Geflüchteten – als »die Migration« darstellt, streut er seiner Leserschaft Sand in die Augen. Seine Vorurteile zeigen sich spätestens in den Passagen, wo er schlechtere Bildungsergebnisse ursächlich auf die Migration schiebt, ohne alternative Erklärungen zu diskutieren, und die Lüge der »Ausländerkriminalität« wiederholt. Es ist hinreichend belegt, dass es die demografische Zusammensetzung und die Wohnorte zugezogener Menschen sind, die ihren Anteil an den Tatverdächtigen (nicht Verurteilungen!) in der Polizeilichen Kriminalstatistik höher erscheinen lassen. Armut führt zu höherer Kriminalität, nicht Migration.

Stelters Vorurteile zeigen sich auch in seiner Obsession mit der Atomkraft. Für ihn beginnen und enden alle Probleme der Energiepolitik mit dem Atomausstieg. Rückblickend betrachtet, so viel kann man zugestehen, war es angesichts der Klimakatastrophe großer Unsinn, vor der Kohlekraft aus der Atomenergie auszusteigen – danke CDU und FDP! Genauso unsinnig ist es aber, wie Stelter, krampfhaft zu versuchen, ein totes Pferd weiterzureiten. Widerspruch zu Stelters Atomkraftthesen kommt nicht von den Grünen, sondern der Wirtschaft selbst. Michael Hüther, Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft, bemängelte jüngst im Handelsblatt-Podcast das ständige Wiederaufkochen der Debatte, weil das vom notwendigen Ausbau der erneuerbaren Energien, der Übertragungsnetze und Batteriespeicher ablenke. Ohnehin sei der Rückbau der Atomkraftwerke bereits so weit vorangeschritten, dass eine Reaktivierung einem Neubau gleichkäme. 

Boomer versteht die Welt nicht mehr

Statt einer nüchternen Bestandsaufnahme der wirtschaftlichen Lage und realistischen Handlungsoptionen wird die geneigte Leserin hauptsächlich mit den persönlichen Ärgernissen von Daniel Stelter konfrontiert. Hoffentlich hat Stelter selbst Erleichterung empfunden, sich den Frust von der Seele zu schreiben. Zumindest bietet es einen Blick in die Gedankenwelt von Stelter und seines Umfelds von »Unternehmern und Managern«, mit denen er laut eigener Aussage zur Vorbereitung dieses Buchs gesprochen hat. 

Zwischen den Zeilen kommt hier nämlich eine bedenkliche Zerstörungslust zum Ausdruck. Die Soziologen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey beschreiben damit die zunehmend destruktive Form rechter Politik als die Folge uneingelöster Versprechen und eines Gefühls des Blockiertseins. Daraus resultiert der Impuls, alles politisch Unliebsame auf DOGE-Manier kurz und kleinzuhauen. Zuletzt warnte sogar der ehemalige FDP-Generalsekretär Bijan Djir-Sarai vor einer Radikalisierung wohlhabender Bürger.

Auffällig ist in diesem Zusammenhang die Abwesenheit der AfD in Stelters Buch. Als Euro- und Migrationsskeptiker könnte Stelter ja entweder Gemeinsamkeiten oder Unterschiede zur AfD betonen, zumal er mit allen anderen Parteien hart ins Gericht geht. Es stellt sich nämlich die Frage, wer sein Kettensägenprogramm, das er »Aufbruch 2030« nennt, umsetzen soll. Seine radikalen Vorschläge wie eine Flat Tax bei der Einkommensteuer oder eine Ersetzung aller (!) Sozialleistungen mit einer Grundsicherung und negativer Einkommensteuer ließen sich wohl nur mit radikalen Kräften wie der AfD umsetzen. 

Aus ethischer Sicht ist Stelters Programm mehr als bedenklich: Solche Forderungen würden geradezu im Vorbeigehen Menschen, die etwa aufgrund einer Behinderung oder chronischen Erkrankung auf kostspielige Hilfe angewiesen sind, von der Teilhabe an der Gesellschaft ausschließen und sie ihrem eigenen Schicksal überlassen. Hier kommt Stelter Scrooge am nächsten. Nicht zufällig war der berühmte Ökonom und Pessimist der Überbevölkerung, Thomas Malthus, Dickens’ Inspiration für Scrooge. Für Scrooge und Malthus war klar: Es gibt »surplus populations«, überflüssige Bevölkerungen, die einfach keine Unterstützung verdient hätten und im Stich gelassen werden können. Das sagt Stelter nicht explizit, doch das wäre die Konsequenz seiner wenig durchdachten Vorschläge.

Bei der mittlerweile sechs Jahre andauernden Stagnation inmitten geopolitischer Verwerfungen sollte auch der letzte Konservative verstanden haben, dass die Bedingungen, unter denen Deutschland »Exportweltmeister« werden konnte, nicht mehr gegeben sind. Die Zeiten billiger fossiler Energie und der zuverlässig steigenden Nachfrage aus dem Ausland sind vorbei. Deutschland war mit seinen riesigen Exportüberschüssen ein großer Trittbrettfahrer der »regelbasierten Ordnung«. Doch das Einzige, das Stelter einfällt, ist mehr vom Alten. 

Dabei liegen alternative Strategien längst vor. Mario Draghi, der ehemalige EZB-Direktor und italienische Ministerpräsident, fordert etwa, auf Wachstum im europäischen Binnenmarkt zu setzen. Dass Stelter dies nicht wahrhaben möchte oder gleich als »Realitätsleugnung« betitelt, fällt auf ihn zurück. Der britische Ökonom John Maynard Keynes soll einmal ausgerufen haben: »When the facts change, I change my mind. What do you do, sir?« Trotzig rückwärts in die Zukunft, wie Stelter, kann nicht die Antwort sein.

Max Hauser

Max Hauser ist Politökonom und Redakteur bei Surplus. Er hat Volkswirtschaftslehre in Berlin, Rom und Paris studiert.

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