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Pfiffe und Buhrufe für Merz beim DGB-Bundeskongress

Mitten im Koalitionsstreit um Entlastungen und Reformen wird der Bundeskanzler beim DGB ausgebuht. Der Widerstand gegen Sozialkürzungen wächst.

3 Minuten Lesedauer
Bundeskanzler Friedrich Merz spricht auf dem Bundeskongress des DGB in Berlin. Credit: IMAGO/Chris Emil Janßen
Bundeskanzler Friedrich Merz hat auf dem Bundeskongress des DGB in Berlin eine Rede gehalten. Credit: IMAGO/Chris Emil Janßen

Bundeskanzler Friedrich Merz hat auf dem Bundeskongress des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) für tiefgreifende Sozialreformen geworben und dafür Pfiffe und Buhrufe kassiert. Mit seinem Appell, den Reformprozess als Chance statt Bedrohung zu begreifen und daran mitzuwirken, drang der CDU-Chef bei den rund 400 DGB-Delegierten kaum durch. Der Platz, von dem aus man das Land zum Guten gestalten könne, »das ist nicht die Bremse«.

Merz redete als erster CDU-Kanzler seit acht Jahren bei einem DGB-Bundeskongress. Zuletzt war Angela Merkel 2018 beim Dachverband der Gewerkschaften zu Gast, die dort in früheren Jahren auch schon etwa für die Rente mit 67 ausgepfiffen worden war. In der gut halbstündigen Rede vor den Gewerkschaftern machte Merz nun erneut die Dringlichkeit von Reformen deutlich, um den Wohlstand in Deutschland zu sichern. »Wir haben es schlicht versäumt, unser Land zu modernisieren«, betonte er. »Deutschland muss sich also aufraffen.«

»Keine Bösartigkeit von mir oder der Bundesregierung«

Als Merz die bereits von der Bundesregierung beschlossenen Sparmaßnahmen bei der gesetzlichen Krankenversicherung schilderte, gab es die ersten Pfiffe, Buhrufe und Zwischenrufe. Die im Sommer bevorstehende Rentenreform bezeichnete er als das »härteste Brett«. »Das alles ist keine Bösartigkeit von mir oder von der Bundesregierung«, betonte er. »Das ist Demografie und Mathematik. Es übersteigt ganz einfach die Kräfte von zwei Beitragszahlern, wenn sie in Zukunft eine Person in der Rente finanzieren sollen.« Unter anderem an dieser Stelle wurde Merz durch Buhrufe und sogar Gelächter unterbrochen. Eine Antwort auf das Rentenproblem sei vor allem ein größerer Stellenwert der kapitalgedeckten Vorsorge. Merz appellierte an die Gewerkschafter, an den Reformen mitzuwirken. Diese könnten ein »Gewinn für alle« sein.

DGB-Chefin Fahimi hält dagegen

DGB-Chefin Yasmin Fahimi wies Merz auf die Wahrnehmung vieler Arbeitnehmer hin, dass hinter den Reformen am Ende des Tags Einschnitte und Kürzungen stehen würden, «die aus unserer Sicht einseitige Belastung und Abbau von Schutzrechten bedeuten».

Viele in den Gewerkschaften würden erleben, dass die für die Wirtschaftsbeziehungen in Deutschland grundlegende Sozialpartnerschaft »nicht mehr so richtig funktioniert und wir immer mehr in Konflikte reingetrieben werden«, sagte Fahimi.

Bei der Rentenreform hielt sie Merz entgegen, dass schon einmal versprochen worden sei, die Vorsorge inklusive privater und betrieblicher Säule der Alterssicherung abzusichern. »Das Zielbild ist bis heute nicht eingehalten«, sagte Fahimi. »Wir haben das schon bezahlt mit der Erhöhung des Renteneintrittsalters, der Abschaffung der Altersteilzeit, der Absenkung des Rentenniveaus.«

»Nicht in Zeiten vor 1918 zurück«

Ausdrücklich warnte die DGB-Chefin vor einer geplanten Änderung beim Arbeitszeitgesetz. »Wir wollen nicht zurückgeworfen werden in Zeiten von vor 1918.« Damals war der Acht-Stunden-Tag eingeführt worden. Es gehe nicht darum, »dass wir einen starren Acht-Stunden-Tag in den Betrieben hätten«, sondern darum, dass das, was an Flexibilität gebraucht und gewünscht sei, »in gegenseitigen Interessenabwägungen zwischen betrieblichen Interessen und Beschäftigteninteressen verbindlich geregelt werden muss«.

Auch Arbeitsministerin und SPD-Chefin Bärbel Bas wird heute noch auf dem DGB-Kongress erwartet. Am Abend kommen die beiden dann mit den anderen Spitzen von Union und SPD im Koalitionsausschuss zusammen. In der Sitzung soll es um den weiteren Fahrplan für die Reformen, die Haushaltsberatungen und Entlastungen für die im Zuge des Iran-Kriegs massiv gestiegenen Energiekosten gehen.


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