Tagtäglich heißt es, die Beschäftigten arbeiteten zu wenig und gingen zu früh in Rente. Gleichzeitig werden ältere Menschen in Krisen als Erstes entlassen und haben deutlich schlechtere Chancen auf Neueinstellungen. Trotzdem fordern Arbeitgeber gebetsmühlenartig, die Regelaltersgrenze zu erhöhen, die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren abzuschaffen und die Abschläge für alle, die früher gehen müssen, von bald 14,4 auf 20 oder mehr Prozent zu erhöhen. Das würde in der Realität bedeuten, dass die gesunden Jahre im Ruhestand weniger werden. Wer es in diesem Modell nicht bis 70 schafft zu arbeiten, weil er ausgebrannt oder krank ist oder wegen Pflegeverpflichtungen aussteigt, bekäme de facto eine massive Rentenkürzung.
In den letzten zehn Jahren gab es in Wirklichkeit keine Frühverrentungswelle, sondern einen Beschäftigungsboom bei den 60- bis 65-Jährigen. 2010 waren in dieser Altersgruppe 26 Prozent sozialversicherungspflichtig beschäftigt, heute sind es 47 Prozent – knapp die Hälfte. In absoluten Zahlen ist das ein Plus von 2,5 Millionen Menschen.
Der bessere Hebel, damit mehr Menschen gesund bis zur Regelaltersgrenze arbeiten können, steht längst im Gesetz: Es ist der Grundsatz »Prävention vor Reha vor Rente«. Doch bei der Umsetzung hakt es: Präventionsangebote der Kranken- und Rentenversicherung stecken in den Kinderschuhen, der Betrieb als zentraler Ort der Gesundheitsförderung ist kaum etabliert, altersgerechte Arbeitsplätze und Arbeitszeitmodelle sind Mangelware.
Auch bei der medizinischen Rehabilitation gibt es Luft nach oben. Jeder in Reha investierte Euro erwirtschaftet nach einem Jahr 2 bis 3 Euro, nach zwei Jahren rund 5 Euro gesellschaftlichen Nutzen. Die rund 8 Milliarden Euro Reha-Ausgaben im Jahr 2024 können so in zwei Jahren etwa 40 Milliarden Euro gesamtwirtschaftlichen Nutzen erzeugen. Doch der sogenannte Reha-Deckel begrenzt diese volkswirtschaftlich sinnvollen Ausgaben.
