Kaum jemand hat Arbeitszeiten, die zum Leben passen: Viele Vollzeitbeschäftigte (vor allem Männer) arbeiten deutlich länger, als im Vertrag steht, und wünschen sich kürzere Zeiten. Viele Beschäftigte mit Teilzeit- oder Minijob (vor allem Frauen) bräuchten mehr Arbeitszeit und Lohn. Für eine »kurze Vollzeit« (etwa 30 Stunden pro Woche) können Gewerkschaften IT-Spezialist und Kassiererin gewinnen – und über Branchen hinweg für eine tarifliche beziehungsweise gesetzliche Regelung mobilisieren. Entlasten würde sie Arbeitende in ganz unterschiedlichen Lagen.
Die Konsequenzen wären weitreichend: Arbeitszeitverkürzung für Vollzeitbeschäftigte muss mit Lohnausgleich einhergehen, damit man sie sich leisten kann, und mit Personalausgleich, weil nicht noch mehr in kürzerer Zeit zu schaffen ist. Arbeitszeitverlängerung für Frauen in Teilzeit und »Minijob« setzt etwa im Reinigungsdienst voraus, dass pro Stunde weniger Fläche geputzt werden muss. Das bedeutet: höhere Kosten, auch für öffentliche Kunden, plus Ausbau von Kinder- und Altenbetreuung. Mit der Schuldenbremse geht das nicht. Damit »kurze Vollzeit« zur neuen »Normalarbeitszeit« wird (also etwa nach 45 Jahren eine »Eckrente« begründet), müssen die finanziellen Grundlagen der Sozialversicherung erweitert werden: durch Einbeziehung von »Minijobs«, Beamtinnen und Solo-Selbständigen, Verzicht auf Beitragsbemessungsgrenzen und Zugriff auf Kapitalerträge.
Sollte doch besser alles beim Alten bleiben? Nein, denn die Liste der Probleme ist lang: Burnout für Vollzeitbeschäftigte – Altersarmut für »Minijobberinnen«; Arbeitszeitverkürzung aus Selbstverteidigung unter Lohnverzicht und auf den Knochen der Kolleginnen; Vorwurf der »Lifestyle-Teilzeit« an alle, die nicht bis zum Anschlag schuften; Rätselraten, wie man gesund bleibt, wer Kinder und Alte versorgt, wenn »alle mehr und effizienter« arbeiten, wie Kanzler Merz verlangt. Ist »kurze Vollzeit« realistisch? Finden wir es heraus: Streiten wir für eine solidarische Verteilung von Zeit und gesellschaftlichem Reichtum.
